Während meines Gedankenganges überlegte ich, ob das bei "Simplen" Menschen wohl auch so ist und mir fiel auf, dass ich die "Masse der Normalen" immer als Maßstab nehme, um mich selber als "anders" zu definieren. Zwei Gedankenschritte weiter blieb ich plötzlich stehen und mir wurde klar, dass ich diesen Weg gar nicht gehen kann. Denn die "Masse der Normalen" ist ein Phänomen, dass ausschließlich von Menschen erdacht wurde, die sich dadurch einen Vorteil erhofften: Herrscher, Werbefachleute usw. Ich weiß das. Ich weiß, dass es "normal" genauso wenig gibt wie "unnormal". Ich weiß, dass ich niemals erfahren werde wie "die Anderen" im Gegensatz zu mir fühlen, weil es "die Anderen" gar nicht gibt. Dennoch kann ich es nicht lassen mein Leben nach "den Anderen" auszurichten. Ich kann es nicht lassen mich anzupassen, zu fürchten enttarnt zu werden und zu glauben, dass ich auf verschiedene Arten "anders" bin. Guckt man im Duden nach der Bedeutung von "anders", findet man folgende:
- auf andere, abweichende Art und Weise, abweichend, verschieden
- andersartig, fremd, ungewohnt
- besser, schöner
Keine dieser Bedeutungen ist negativ konnotiert. Im Gegenteil, schaut man sich Punkt c. an, dann scheint "anders" sogar gut zu sein. Trotzdem ist "der Andere" schon immer auch "der Schlechtere" gewesen (Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Exotismus - bei den letzteren könnte man zwar argumentieren, dass dort den betreffenden Personen auch positive Eigenschaften zu geschrieben werden, dies geschieht aber nie ohne das gleichzeitige Absprechen bestimmter anderer Eigenschaften, deswegen kann ich das auch in keiner Situation als positiv wahrnehmen), Und so fühle ich mich immer als "schlechter" als "die Anderen". "Die Anderen" scheinen ihre Leben teilweise mit einer spielenden Leichtigkeit zu meistern. Arbeit, Familie, Sport und eine vielfältige Freizeit, für alles scheint Energie da zu sein. Ich fühle mich immer "schlechter", obwohl ich weiß, dass es die "Masse der Normalen", bei denen es "normal" läuft, nicht gibt.
Neulich ging es mir aufgrund von Albträumen und traumatischen Erinnerungen so schlecht, dass ich ernsthaft das Leben in Frage stellte. Nebenher musste ich sehr viel leisten und es war ein wahnsinnige Kraftanstrengung. Ein paar Wochen später erhielt ich die Nachricht, dass meine Leistung mit einem "sehr gut" benotet wurde (auch so ein zu hinterfragendes System). Meine Therapeutin sagte zu mir, dass sie auch gerne so eine eingebaute Person hätte, die auch in schwersten Krisenzeiten immer noch Top-Leistungen erzielen kann. Da dachte ich zum ersten Mal darüber nach, ob einige Folgen der Gewalt, die mir angetan wurde, nicht auch ein verspätetes "Wiedergutmachungsgeschenk" sind. Das mich diese Gewalterfahrung nicht nur "anders", "abstoßender" oder "minderwertiger" macht, sondern mir auch Fähigkeiten an die Hand gibt "besser" (in ganz dicken Anführungszeichen!) mit dem Leben zurecht zu kommen. Oder sind es nur Fähigkeiten, die es mir möglich machen mich an das "Andere" anzupassen?
Ich bin gerade irgendwie raus und kann mit diesem Thema nicht mehr so viel anfangen. Es besteht auch einfach kein Konsens darüber. Mehrere Meinungen teilen sich meinen Kopf.
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